Vielleicht kommt ja “Frieden” nach dem “Sturm”

Der Autor- Gülizar Baki

Übersetzung– Eşe Altıntaş – Yusuf Şamil I.

Eine regnerische Abenddämmerung. Im Dezember. Jedoch fühlt es sich an wie Frühling, unter dem angenehmen Regen. Mit Blumen in der Hand schlendere ich durch die Straßen der Stadt und suche das Theater „der Leere Raum“. Es dauert nicht lange bis ich die Menschenmenge hinter dem großen Schaufenster erblicke. Noch 10 Minuten bis zum Aufführungsbeginn. Jemand aus der Menge bemerkt mich und öffnet
freundlicherweise die Tür. Ich lege die Blumen beiseite. Nach dem Spiel möchte ich sie den Schauspielern überreichen. Während ich meinen durchnässten Mantel ablege, beobachte ich Menschen die herumschauen und andere die sich in Gesprächen vertiefen.

Die Atmosphäre versetzt mich in ein Istanbul der 2000er Jahre, in ein ähnliches Zimmertheater. Damals war das noch neuartig für Istanbuler Verhältnisse. Ich genieße das Stück und die Aura um mich herum. Diese zierlichen Theater finde ich harmonischer und berührender riesige Theatersäle. Ich weiß nicht wieso. Vielleicht weil diese für mich frei und einzigartig wirken.

Mit dem lächelnden Gesicht des Theaterbesitzers und des Spielleiters gleiten meine Gedanken zurück in das Jahr 2019 nach Essen. Sie inszenieren Shakespeares Sturm durch eine experimentelle Methode neu. Die Deutschen werden Türkisch sprechen und die Türken Deutsch. Bald werden wir und das Spiel ansehen und darüber reden. Das ist alles was ich soweit über den Abend weiß.

Als alle Gäste da sind bringen sie uns in die Halle, in der das Spiel stattfinden wird. Es ist ein kleines schwarzes Zimmer. Wir setzen uns auf Holzstühle. Ich sitze ganz vorne. Es gibt sowieso nur zwei Stuhlreihen. Zwischen den Schauspielern und dem Publikum ist kaum ein Meter Distanz. Da steht ein Tisch. Ein paar kleine Figuren und ein kleines Schiffsmodell aus Papier stehen da drauf. Ein Bild, das ich nicht verstehe, wird an die gegenüberliegende Wand projiziert. Die einzige Lichtquelle im dunklen Raum ist das an dieser Wand reflektierte Bild. Nachdem ihre Plätze alle ihre Plätze eingenommen haben, hocken sich die Schauspieler auf der Bühne um den Tisch herum. Dann beginnt der Sturm. Chaos, Wellengeräusche, Menschenrufe, die vor Todesangst schreien, das Bild des Schiffes, das in riesigen Wellen versinkt … Und das alles tun die Spieler vor unseren Augen. Ein transparentes Stück Kunststoff stellte das Meer dar, und was sich auf dem Bildschirm widerspiegelte, war das, was die winzige Kamera auf dem Tisch sah. Das Papierschiff wurde zu einem riesigen Schiff auf dem Bildschirm. Der Klang von Kunststoff sind die Wellen. Dann eine Todesstille. Es stellt sich heraus, dass diese Stimmen und Rufe uns in den von Shakespeare beschriebenen Sturm geführt haben. Ich fühle das Chaos. Gänsehaut. Ich komme schweigend zu mir. Die Spieler stehen auf und gehen zu einem anderen Vorhang des Spiels über. An diesem Abend sahen wir uns mehrere kleine Passagen aus dem Spiel an. Als ganzes wird es in der Herbstsaison 2020 stattfinden.

Serkan Öztürk spielt den Exilherzog Prospero. Dieser Mann wurde von seinem Bruder verraten und lebt seit 12 Jahren mit seiner Tochter auf einer Insel. Außerdem leben ein Monster und eine Fee auf der Insel. Das Monster ist eigentlich der Besitzer der Insel und hat Prospero beigebracht, wie man dort lebt. Eines Tages rettet Prospero die Fee, als diese in einem Baum gefangen ist. Die Fee, die besondere Kräfte besitzt, befindet sich in seiner Schuld

Sibel Öztürk, die die Fee und das Monster spielt begeistert das Publikum. Wir sehen Öztürk, die außerdem den hübschen Prinzen spielt, in drei verschiedenen Rollen auf der Bühne.

“Sturm”, das vielschichtige und letzte Spiel von Shakespeare, das Teile aus fast allen seinen Stücken enthält, ist ein tiefgründige philosophische Essay des Autors über die menschliche Natur. Im Spiel werden viele verschiedene Konzepte wie Macht, Gier, Verrat, Freiheit, Preis, Zivilisation, Feudalismus und Kolonialismus behandelt. Die Geschichte mit all diesen gigantischen Begriffen endet glücklich. Die Bösewichte sind besiegt und bedauern. Am Ende des Spiels sind alle wieder gleichgestellt. Getrennte vereinen sich wieder, Zerstrittene versöhnen sich und es geschehen Wunder.

Das Storm-Spiel, dessen Regisseurin Claudia Maurer ist, ist in der Herbstsaison 2020 im Der Leere Raum zu sehen.

Experimentelle und beeindruckende Leistung

Shakespeares Poesie und Fabel in Kombination mit der Interpretation der Regisseurin Claudia Maurer führten zu einer experimentellen und beeindruckenden Aufführung. Das Team kombiniert traditionelles Figurentheater mit modernem Theater und präsentiert eine erfolgreiche Aufführung, bei der die beiden Länder ihre Theatertraditionen, Spielstile und Techniken illustrieren. Mariela Rossi (als Prosperos Tochter) spricht Türkisch, Serkan Öztürk antwortet Rossi auf Deutsch und ihre Kompatibilität untereinander kommt beim Publikum großartig an. Das deutsche Publikum erklärte nach dem Spiel, dass, obwohl sie den türkischen Teil nicht verstanden hatten, sie die Gefühle der Schauspieler überzeugt hatte.

Die Verwendung von Figuren aus dem traditionellen Schattenspiel auf der Bühne, die Videotechnik, Zweisprachigkeit, das Spielen in einem Bühnenlosen Raum, erweckt Neugier für das Spiel in seiner Gänze. 

Ein Sturm hat uns erwischt!

In einer Szene sangen die Schauspieler, einschließlich des Regisseurs, ein sehr vertrautes türkisches Volkslied. Es ist eigentlich eine Klage. Über jene die verbannt und exiliert wurden. “Ein Sturm hat uns eingeholt und in das Meer geworfen.” Ja, Sturm ist die Geschichte eines Exilierten, der auf See verloren und verraten wurde, jedoch ist am Ende alles wieder gut. Ich hoffe, dass dieses Spiel, das die Koexistenzkultur und das Zusammenleben der türkischen und deutschen Gesellschaften unterstützt, auch zum Weltfrieden beiträgt.

Eine Schattenspiel Figur von Serkan Öztürk aus Leder, die das Stück -der Sturm- reflektiert.

2020 April 

 

Der Autor- Gülizar Baki

Die Übersetzer- Eşe Altıntaş -Yusuf Şamil I.

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